Blicke, Fragen, Urteile – Alltag mit Rassismus

Diese Sammlung von Erlebnissen entstand in unserer Medienwerkstatt gegen Rassismus im Rahmen der 15. Aktionswoche gegen Rassismus der Stadt Bern. Die Geschichten, die hier erzählt werden, sind wahre Berichte von Frauen, die anonym bleiben wollten und von unserer Redaktion zusammengestellt wurden.

Es ist nicht einfach, sich in einer Gesellschaft willkommen zu fühlen, wenn man täglich mit Vorurteilen, Misstrauen oder sogar offener Ablehnung konfrontiert wird. Sei es im öffentlichen Verkehr, in der Schule, am Arbeitsplatz oder einfach auf der Strasse – Rassismus zeigt sich oft in subtilen, aber auch in schmerzhaften, direkten Formen.

Diese Geschichten geben einen Einblick in die Erfahrungen von Frauen, die in der Schweiz leben und arbeiten, aber immer wieder spüren, dass sie als „anders“ wahrgenommen werden. Sie erzählen von unerwarteten Konfrontationen, verletzenden Worten, unsichtbaren Barrieren und der ständigen Herausforderung, sich trotz allem Respekt und Würde zu bewahren.

Indem wir diese Erlebnisse sichtbar machen, möchten wir zum Nachdenken anregen und dazu beitragen, dass solche Formen der Diskriminierung erkannt und bekämpft werden. Denn nur durch Bewusstsein und Dialog kann sich langfristig etwas verändern.


Zwei Tramgeschichten

Rosa

Ich bin Rosa und lebe seit 20 Jahren in der Schweiz. Eigentlich fühle ich mich wohl in Bern, doch vor etwa acht Jahren erlebte ich etwas, das mich tief getroffen hat. Ich war auf dem Weg zur Arbeit in Breitenrain. Das Tram war voll, Menschen standen dicht gedrängt.

Plötzlich beobachtete ich, wie eine Schweizerin eine afrikanische Frau grob anstiess. Die Frau stand einfach auf, ohne etwas zu sagen. Ich nahm es zur Kenntnis, blieb aber still. Vielleicht hatte es einen Grund, vielleicht war es nur ein Missverständnis. Doch dann passierte es erneut – die gleiche Schweizerin stiess auch mich.

Zunächst war ich sprachlos, doch dann fragte ich sie direkt: „Warum haben Sie mich gestossen? Und vorher die afrikanische Frau?“ Ihre Antwort war eiskalt und voller Hass: „Scheiss Ausländer, fahrt ab, raus!“

Ich sah sie an und versuchte, ruhig zu bleiben. „Schauen Sie mal,“ sagte ich, „Sie sind so eine anständige Frau, Sie sehen so hübsch aus. Aber was passiert in Ihrem Herzen? Sie sollten abfahren, Leute mit Ihrer Mentalität – weil das macht uns krank.“

Kaum hatte ich das gesagt, mischte sich ein Mann ein. Ein Schweizer, offensichtlich drogensüchtig, nicht in einem klaren Zustand. Ohne Vorwarnung schlug er mir auf den Kopf. Ich war fassungslos. „Warum haben Sie mich geschlagen?“, fragte ich ihn ruhig. Seine Antwort war so stumpf wie verletzend: „Einfach so, scheiss Ausländer.“

Seitdem hat sich einiges verändert. Ich habe in den letzten Jahren weniger direkte rassistische Angriffe erlebt. Aber was ich spüre, ist eine wachsende Distanz. Die Schweizer sind zurückhaltender geworden, verschlossener. Ich glaube, das liegt an den vielen Kriegen, den Flüchtlingen, die kommen. Vielleicht haben sie Angst, vielleicht fühlen sie sich überfordert.

Das stört mich nicht – jeder hat das Recht, seine eigenen Grenzen zu setzen, so lange es nicht in Rassismus ausartet. Was wir aber dringend brauchen, ist gegenseitiger Respekt. Gerade in dieser unsicheren Zeit. Und ich finde es wichtig, dass wir darüber reden. Denn Schweigen ändert nichts.

Fatimas Freundin

Fatima aus Marokko erzählt: Meine Freundin ging in die Stadt. Als sie in das Tram einsteigen und sich setzen wollte, kamen eine Frau mit roten Haaren und vieles Ohrringen zusammen mit einem Mann herein. Plötzlich griff die rothaarige Frau meine Freundin an und begann, sie anzuschreien.

Dann versuchte sie, ihr den Hijab vom Kopf zu reissen. Doch der Mann, der mit ihr war, schritt ein und stiess die Frau von meiner Freundin weg. Dadurch konnte sie ihr das Kopftuch nicht abnehmen. Trotzdem war Fatima tief erschüttert von dieser Situation.

Dieses Erlebnis hinterliess ein Trauma bei ihr, und sie musste eine psychologische Therapie beginnen, um das Erlebte zu verarbeiten. Aber sie hatte nun grosse Angst, alleine mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zur psychiatrischen Klinik zu fahren. Sie befürchtete, erneut angegriffen zu werden und bis heute kämpft sie mit diesem Gefühl.


Drei weitere Geschichten über Kopftuch

Tayiba

Ich komme aus Afghanistan und heisse Tayiba. Mein Sohn besucht die 1. Klasse der Primarschule. Eines Tages kam er nach Hause und erzählte mir, dass seine Kollegen ihn „Corona“ nennen. Er wusste gar nicht, was das bedeutet, und fragte mich danach.

Diese Situation hat mich sehr nachdenklich gemacht. Ich erklärte ihm, dass Corona eine Krankheit ist, die die Welt betroffen hat, und dass es nicht richtig ist, jemanden so zu nennen.

Am nächsten Tag sprach ich mit der Lehrerin meines Sohnes darüber. Sie reagierte sehr verständnisvoll und versprach, mit den Kindern zu reden. Nach diesem Gespräch war das Problem gelöst, und mein Sohn wurde nicht mehr so genannt.

Ich bin der Meinung, dass Rassismus oft aus den Familien kommt. Eltern sprechen vor ihren Kindern über gewisse Dinge, und die Kinder wiederholen das, was sie hören, weil sie immer die Wahrheit sagen. Sie machen sich keine Gedanken darüber, was ihre Worte bewirken können.

Manchmal erlebe ich solche Situationen auch selbst. Wenn ich Menschen auf der Strasse sehe, grüsse ich sie oft freundlich. Einige lächeln zurück und grüssen mich ebenfalls. Doch manchmal bemerke ich, wie ihr Blick auf mein Kopftuch fällt, und sie mich nicht zurückgrüssen. In solchen Momenten spüre ich die Distanz, die durch Vorurteile entsteht.

Trotzdem bleibe ich freundlich und offen gegenüber anderen. Ich glaube fest daran, dass gegenseitiger Respekt und Gespräche helfen können, Vorurteile abzubauen und ein besseres Miteinander zu schaffen.

Kashan

Ich bin Kashan und habe vier Kinder. Viele Leute sagen erstaunt: «Warum? Wow! Warum vier Kinder?» An der Tramhaltestelle schauen mich die Menschen oft komisch an – nicht nur wegen meiner Kinderzahl, sondern auch, weil ich ein Kopftuch trage.

Saba

Ich bin Saba und habe keine Diskriminierung erlebt, denn ich spreche perfekt Schweizerdeutsch.


Enttäuschende Arbeitswelt

Deniz

Ich heisse Deniz und lebe seit mehr als zehn Jahren in Bern. Ich bin Mutter, habe ein abgeschlossenes Studium in meinem Herkunftsland. Doch in der Schweiz musste ich meine beruflichen Träume aufgeben. Mein Abschluss wurde nicht anerkannt, und so entschied ich mich, in der Pflege zu arbeiten – ein Bereich, in dem ich schneller eine Anstellung fand, um meine Familie zu ernähren.

Anfangs war ich erleichtert und froh, endlich eine feste Arbeit zu haben. Doch bald wurde mir klar, dass mein neuer Arbeitsplatz nicht nur ein Ort der Fürsorge war, sondern auch eine Bühne für subtile und offene Diskriminierung.

Meine Kolleginnen und Kollegen lachten über mein Schweizerdeutsch. Wenn ich sprach, im Bemühen, mich perfekt auszudrücken, verdrehten sie die Augen. Manche flüsterten extra komplizierte Wörter oder Redewendungen, die ich nicht verstehen konnte, und kicherten dann hinter meinem Rücken. Manchmal fühlte ich mich wie ein Fremdkörper, den niemand wirklich dabeihaben wollte.

Meine Vorgesetzte sah mich nie als kompetent an, egal wie gewissenhaft ich arbeitete. „Du weisst nicht, wie das geht. Du bist ja nicht hier geboren,“ hörte ich oft. Immer wieder wurde ich darauf hingewiesen, dass ich nicht genug könne, dass meine Erfahrung nicht zähle. Dabei mache ich meine Arbeit mit Herz und Verstand, doch das schien nicht genug zu sein.

Dann kam die nächste Erniedrigung: Meine Chefin verlangte, dass ich einen B2-Deutschkurs absolviere, obwohl für meine Tätigkeit B1 völlig ausreichte. Es war ein endloses Hin und Her – um die Finanzierung, um die Art des Kurses. Und dann der Moment, der mich fassungslos machte: „Ich werde mit deiner Deutschlehrerin sprechen“, sagte meine Vorgesetzte mit einem Ton, als spräche sie mit einem Kind. Ich, eine erwachsene Frau, eine Mutter, fühlte mich degradiert, bevormundet, gedemütigt.

Ich kämpfte mit meinen Gefühlen. Warum wurde mir nicht vertraut? Warum wurde ich behandelt, als könne ich nichts? Warum zählten meine Mühen nicht? Jeden Tag wurde es schwerer, zur Arbeit zu gehen. Mein Herz zog sich zusammen, wenn ich an meine Schichten dachte. Der Rassismus an meinem Arbeitsplatz raubte mir nicht nur die Freude an der Arbeit – er nahm mir das Gefühl, hier wirklich dazuzugehören. Eines Tages konnte ich nicht mehr. „Ich werde kündigen“, sagte ich mir. Ich weiss einfach, dass es so nicht weitergehen kann, aber ein anderer Job habe ich nicht. Ich habe Angst, dass es überall so wird.


Disclaimer: Diese Geschichte wurde in der Medienwerkstatt gegen Rassismus in Rahmen der 15. Aktionswoche gegen Rassismus der Statt Bern gesammelt. Die Namen wurden aus Schutzgründen und auf Wunsch der berichtenden Personen geändert, sind aber der Redaktion bekannt.


Auf dieser Seite finden Sie alle Beratungs- und Meldestellen für Fälle rassistischer Diskriminierung: https://www.bern.ch/themen/auslanderinnen-und-auslander/integration-und-migration/diskriminierung-und-rassismus/bern-gegen-rassismus/beratung-und-meldestellen

Lesen Sie auch das Merkblatt über die Diskriminierung auf der Arbeitsplatz der Stadt Bern: https://www.google.com/url?sa=t&source=web&rct=j&opi=89978449&url=https://www.bern.ch/themen/auslanderinnen-und-auslander/integration-und-migration/diskriminierung-und-rassismus/rassistische-diskriminierung-am-arbeitsplatz/dateien/2024_Merkblatt_Arbeitsplatz_WEB_Einzelseiten.pdf&ved=2ahUKEwiB6quI85aMAxVp8gIHHS9wC1IQFnoECC4QAQ&usg=AOvVaw1Ah8Q25Nz0yp2izisx8JF7

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